top of page

Systemische Gedankenlosigkeit: Warum der Fall Stuttgart uns alle angeht

  • Sabine Janowitz
  • 11. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Ein Weckruf aus aktuellem Anlass


In Stuttgart können gerade 146 Kinder nicht mehr in die Schule gehen. Warum? Weil die Stadt dem Träger der Schulbegleitungen fristlos gekündigt hat.

Während Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer die Trennung als „zwangsläufig“ verteidigt und betont, man sei „schweren Herzens“ zu diesem Entschluss gekommen, räumt die Bürgermeisterin für Soziales, Dr. Alexandra Sußmann, zwar Fehler in der internen Kommunikation ein, spricht aber gleichzeitig davon, dass sich in einem komplexen System „kurzfristige Zumutungen nicht immer ausschließen“ ließen.

 

Doch wenn die Stadt eigene Fehler zugibt, stelle ich mir die Frage: Hätte es nicht genug Zeit gegeben, den Schulen und Familien frühzeitig Bescheid zu geben? Die Schulen erfuhren es teils erst am Abend davor. Diese Rücksichtslosigkeit auf bürokratische Prozesse zu schieben, ist mir als Lösung zu einfach.

 

Aber warum beschäftigt mich das so? Ich bin doch in München…

Was steckt wirklich dahinter, wenn Schüler*innen mit Behinderung wochenlang nicht zur Schule können?

Für die Eltern bedeutet das Existenzangst. Viele haben wegen häufiger Erkrankungen, Operationen oder der psychischen Verfassung ihrer Kinder sowieso schon viele Fehltage. Die Eltern müssen nun Urlaub nehmen, um ihr Kind zu Hause zu betreuen und dort vielleicht auch noch „Lehrer*in spielen“ und Homeschooling machen. Das alles mit der ständigen Sorge im Nacken, ob der*die Arbeitgeber*in irgendwann die Geduld verliert.

Für die Schüler*innen bedeutet es eine massive Lücke in ihrem Lernprozess. Gerade Kinder und Jugendliche mit Behinderung müssen kontinuierlich üben und wiederholen, um Gelerntes zu verinnerlichen und zu behalten. Eine Pause wie diese kann große Rückschritte bedeuten und Monate harter Arbeit zunichtemachen.

Sollte das Kind trotzdem ohne Schulbegleitung zur Schule gehen, wird dies höchstwahrscheinlich bedeuten, dass seine Grundbedürfnisse nicht ausreichend erfüllt werden können. Wer geht mit zur Toilette? Wer wechselt die Windel? Wer reicht Essen und Trinken an, hilft bei Lernortwechseln oder der Emotionsregulation? Ganz abgesehen davon ist niemand da, um die erfolgreiche Teilhabe am Unterricht zu sichern. Inklusion heißt nicht nur dabei sein.

 

Besonders kritisch sehe ich Modelle wie „Schüler helfen Schülern“. Das hört sich im ersten Moment toll nach Inklusion an, aber es stützt den Irrglauben, dass Schulbegleitung eigentlich jeder kann. Bisher kann fast jede Person ohne spezifische Ausbildung Schulbegleitung werden, egal aus welchem Beruf man kommt, oft ist die bloße Volljährigkeit ausreichend.

Für Lehrkräfte bedeutet es viel Arbeit, diese Personen anzulernen und es braucht wahnsinnig viel Vertrauen der Eltern, das sie diesen fremden Personen entgegenbringen. Hier geht es unter anderem um sensible pflegerische Tätigkeiten und den Abbau von Barrieren. Mit einem Schüler-Modell spielt man diese Problematik noch weiter herunter. Es vermittelt, dass jeder mal eben übernehmen könnte, was definitiv nicht der Fall ist.

 

Das Problem ist hierbei jedoch nicht nur, dass diese „kurzfristigen Zumutungen“ entstanden sind, sondern was dadurch in die Öffentlichkeit kommuniziert wird.

Es bedeutet: Kinder mit Behinderung können ruhig mal ein paar Wochen zu Hause bleiben. Ihr Recht auf Bildung und die Schulpflicht werden einfach ausgesetzt, als würde es keinen Unterschied machen. Wäre das Kindern ohne Behinderung passiert, kann man sich vorstellen, wie groß der Aufschrei gewesen wäre. So hat man es nur am Rande mitbekommen.

Die Gefahr dabei ist diese systemische Gedankenlosigkeit. Man tut so, als wäre das nur ein Organisationsfehler, aber in Wahrheit verschieben sich dadurch unsere Maßstäbe. Es wird schleichend normal, dass Inklusion nur noch unter Vorbehalt stattfindet. Es signalisiert, dass die Rechte dieser Kinder zur Verhandlungsmasse geworden sind.

Vor allem in Zeiten, in denen Politiker*innen wie Kristina Schröder öffentlich sagen, man könne an der Unterstützung für Menschen mit Behinderung sparen. Damit werden Räume für Diffamierung und Propaganda geöffnet, in denen suggeriert wird, diese Menschen lägen „uns“ auf der Tasche. Es ist naiv, solche Stimmen in politische Entscheidungen nicht miteinzudenken, wie es hier passiert ist.

 

Menschen mit Behinderung sind gleichberechtigte Bürger*innen. Wer nicht sehen will, dass wir Gefahr laufen, sie erneut an den Rand zu drängen und zu Sündenböcken zu machen, sollte sich noch einmal eingehend mit unserer deutschen Vergangenheit beschäftigen. Wir müssen die Zeichen lesen, die aktuell wieder aufflammen.

Sicher gibt es Leute, die sagen, man solle aus der Mücke keinen Elefanten machen. Ich sage dazu nur: Augen auf! Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Gleichgültigkeit normal wird, damit unsere Enkelkinder uns später nicht dieselbe Frage stellen müssen, die wir unseren Großeltern gestellt haben.

 

Rechtliche Referenzen: UN-BRK Art. 24, UN-BRK Art. 7, GG Art. 3 Abs. 3



 
 
bottom of page